Sehr
erfreulich: "Die
Irrlehren der Sozialdemokratie" von Eugen Richter
sind in einem Nachdruck einer Ausgabe von 1893
(Original: 1890) wieder verfügbar. In diesem Buch
stellte Eugen Richter seine Argumente gegen den
Sozialismus zusammen. Es bildet die theoretische
Grundlage für seine ein Jahr später erschienenen
"Sozialdemokratischen Zukunftsbilder".
Die Verurtheilung der antisemitischen Bewegung
durch die Wahlmänner von Berlin
Versammlung
der Wahlmänner aus den vier Berliner
Landtags-Wahlkreisen
im oberen Saal der Reichshallen, 12. Januar
1881
Das Schlußwort erhielt der Abg. Eugen Richter:
Meine Herren!
Alles was von den sogenannten Antisemiten
jetzt erstrebt wird, das Ziel all ihrer
kühnsten Wünsche, ist noch vor zehn Jahren in
einem kleinen Theile Deutschlands geltendes
Recht gewesen: der Ausschluß der Juden von
öffentlichen Aemtern, Nichtbefähigung zum
Erwerb von Grundeigenthum, Ausschluß von
gewissen Städten und Geschäften — Alles das
galt in einem Theile Deutschlands, aber dieser
Theil hieß — Mecklenburg!
(Große Heiterkeit.)
Mecklenburg
war von jeher das Ideal des Junkerthums, aber
Mecklenburg hatte auch die Eigenthümlichkeit,
daß es die meisten Auswanderer und die meisten
unehelichen Kinder auswies.
(Beifall und große Heiterkeit.)
Ich erinnere
Sie an die mit zahlreichen Namen bedeckte
Petition von Einwohnern Mecklenburgs aller
Konfessionen, die 1867 an den Reichstag kam,
um auch in diesem Staate dem sonst überall
längst geltenden gleichen bürgerlichen Recht
Geltung zu verschaffen. Jener Anregung
verdanken wir das Gesetz, welches der
Reichstag im Jahre 1869 beschloß und welches
auch von Reichswegen die Gleichstellung aller
Konfessionen dekretirte. Damals wagten selbst
die Mecklenburger Junker nicht, gegen dieses
Gesetz Front zu machen, damals galt es als
selbstverständlich, daß selbst in Mecklenburg
die bürgerliche Gleichberechtigung gelten
sollte und wer aus irgend einem Zweifel an der
Kompetenz des Reiches zur Einmischung in die
Religionsgesetzgebung Einwendungen zu machen
hatte, wie der Abg. Windthorst, der betonte
zugleich ausdrücklich, daß es unzulässig sei,
fernerhin aus religiösen Bekenntnissen
Unterschiede in den Rechten der
Staatsbürger herzuleiten.
So sprach man
damals. Was liegt nun zwischen 1869 und heute?
Es liegt zuerst dazwischen der große nationale
Krieg. Ist in ihm der Grund zu suchen zu
dem jetzigen Umschwung der Ansichten?
(Rufe: Nein!)
Gewiß: Nein!
Wenn die Juden vordem, was ich bestreite, uns
andern Deutschen fremd waren, so sind sie
damals durch Blut und Eisen unlöslich mit uns
zusammengekettet worden!
(Stürmischer Beifall.)
Standen sie
nicht mit allen in einer Linie vor dem Feinde,
Jeder an seinem Platze? Hat man im Kugelregen
gefragt: Wer ist Jude und wer ist Christ und
ist nicht Jeder nach seinen Kräften
eingetreten für das Wohl des Vaterlandes?
(Lebhafter Beifall.)
Können. wir
etwa aus jener Zeit Vorwürfe gegen die Juden
erheben, schmückt nicht auch sie in großer
Zahl das Eiserne Kreuz, das gemeinsame Zeichen
des Patriotismus?
(Lebhafter Beifall.)
Unter den
jüdischen Aerzten Berlins sind 32 mit dem
Eisernen Kreuz geziert, eine Verhältnißzahl,
die jedenfalls nicht kleiner ist, als bei den
christlichen Aerzten. Und wenn es einiger
Miniaturbilder bedarf, so kann ich Ihnen
sagen, daß von zweien unserer jüdischen
parlamentarischen Genossen der eine sich im
Kugelregen des Schlachtfeldes das Eiserne
Kreuz und den Rothen Adlerorden mit Schwertern
erkämpft und der andere seinen Sohn als
freiwilligen Husaren vor dem Feinde verloren
hat.
Und was sehen
wir jetzt für eine unerhörte Erscheinung?
Junge Leute, welche die große Zeit noch gar
nicht mit politischem Bewußtsein durchlebt
haben wie wir — denn sie drückten damals die
Schulbank in Quarta und Quinta
(Heiterkeit)
— junge Leute,
die noch gar nicht bewiesen haben, was sie
werth sind, die drängen sich vor und wagen es,
diesen jüdischen Rittern des Eisernen Kreuzes
und den Vätern, die für Deutschland ihre Söhne
dahingegeben, entgegenzuschleudern, daß sie
nicht zur deutschen Nation gehören?!!
Wo Menschen so
klein werden, ziemt es sich, an jene große
Zeit zu erinnern. Damals wurde die deutsche
Nation nichts blos als die tapferste, sondern
auch sittlichste, gebildetste und
geschickteste gefeiert. Heute erklärt man das
Gegentheil. Weil sie wirthschaftlich nicht
konkurriren könne, errichtet man hohe Zölle.
Die Wechselfähigkeit will man ihr absprechen,
damit sie nicht, wie kleine Kinder mit dem
Messer, sich durch Ungeschick oder Leichtsinn
beschädige. Als ob in Liederlichkeit die
Nation verkommen, eifert man gegen die
Wirthshäuser, beschränkt die Volkstheater,
kürzt die Polizeistunde und bringt sogar ein
Gesetz gegen die Trunksucht ein. Freilich
scheint mir dies weniger gegen die Juden, als
gegen die christlichen Vollgermanen gerichtet.
(Große Heiterkeit.)
1870 schlugen
sich die Deutschen tapfer gegen den Feind,
heute glaubt man ein tapferer Deutscher zu
sein, wenn man erst die Juden hinaushaut und
dann unter sich in Versammlungen allerlei
Klatschgeschichten über sie erzählt, die nicht
nur keines deutschen Mannes, sondern überhaupt
keines erwachsenen Mannes würdig sind!
(Allseitiger Beifall.)
Heute sieht
man es als eine Heldenthat an, wenn man mehr
trinkt, wie die Juden, und tadelt es als
gebildete Nation, daß die Juden so viel Kinder
auf höhere Schulen schicken, und wenn man dann
alle diese wackeren Thaten verrichtet hat —
dann singt man: ,,Deutschland, Deutschland
über Alles!"
(Stürmische Heiterkeit.)
Wahrlich:
Unseren Freund Hoffmann von Fallersleben hat
ein gütiges Geschick davor bewahrt, diesen
Mißbrauch seines prachtvollen Liedes mit
erleben zu müssen, denn, das gestehe ich
offen: wenn das deutsch, wenn das christlich
sein soll, dann möchte ich lieber überall in
der Welt sein, als im christlichen
Deutschland!
(Lebhafter Beifall.)
Wenn die
Deutschen wirklich nicht sollten ertragen
können, daß immer der 84. unter ihnen ein Jude
ist und sie sich fürchten, daß gerade dieser
eine die übrigen 83 überflügelt, dann heißt
das doch wirklich, das Deutschthum zur Unehre
des deutschen Namens herabdrücken.
(Sehr wahr!)
— Es wird
dermaleinst nicht das kleinste Lorbeerblatt im
Ruhmeskranze unseres Kronprinzen sein, daß er
schon beim ersten Beginn dieser Bewegung, was
unser verstorbener Kollege Wulffshein mit
eigenen Ohren gehört hat und auch andererseits
glaubwürdig bestätigt ist, — dem Vorsitzenden
der jüdischen Korporation von Berlin gegenüber
erklärte, daß diese Bewegung eine Schmach für
die deutsche Nation sei!
(Stürmischer, langandauernder
Beifall.)
Wer ein
aufrichtiger Verehrer unseres greisen
Heldenkaisers ist, den muß es mit einer wahren
Betrübniß erfüllen, daß gerade die Zeit seiner
ruhmreichen Regierung befleckt wird durch
Erscheinungen, wie die sozialdemokratischen
Ausschreitungen und die noch viel häßlichere
Antisemitenbewegung.
(Lebhafte Zustimmung.)
Beide
Bewegungen erklären sich allerdings zu einem
Theil aus den wirthschaftlichen Verhältnissen.
Man sieht das Daniederliegen der
Erwerbsverhältnisse nicht "in allgemeinen
Gründen", sondern legt es dem Staate zur Last.
Man erklärt es nicht aus der dreißigjährigen
Kriegsperiode, in der sich jetzt Europa
befindet und aus dem bewaffneten Frieden, der
am Mark der Völker zehrt, sondern aus
einzelnen Gesetzesparagraphen, und legt die
Schuld zuletzt gewissen Personen zur Last.
Vor drei
Jahren sollten es die Freihändler sein, welche
als Mitglieder des Cobdenclubs Deutschland an
England verkauft hatten. Nun ist es trotz
aller neuen Zölle auch noch so. Jetzt sind die
Juden schuld, welche, wenn im Mittelalter eine
Seuche ausbrach, jedesmal die Brunnen
vergiftet und die Kirchstühle mit ansteckenden
Stoffen gesalbt haben sollten. In der
Gründungszeit wetteiferten im Geldmachen Juden
und Christen und unter letzteren sehr vornehme
Personen. Was die Juden dabei unterschied, war
höchstens, daß sie wenigstens ihren Gründungen
nicht den Deckmantel des Patriotismus
umzuhängen versuchten.
(Beifall.)
Ein Jude aber
war es, Lasker, der zur Zeit, als der Krach
noch nicht erfolgt war — nachher war es sehr
bequem, auf die Gründer zu schelten — die
Gründer auch hinter den Regierungsbänken
angriff und bloßstellte. Mancher Geschäftsmann
nährt sich jetzt kümmerlich. Geht es flott, so
heißt es: leben und leben lassen. Man kann es
Keinem verargen, wenn er jetzt schief auf
seinen Konkurrenten blickt. Aber solche
Verwirrung und Befangenheit, durch die
Zeitverhältnisse erzeugt, macht man nicht zur
Grundlage der Gesetzgebung und stempelt sie
nicht zum Ausdruck des christlich-germanischen
Bewußtseins. Den deutschen Handwerkern,
Arbeitern und Geschäftleuten gereicht es zur
Ehre, daß diese Bewegung, angeblich in ihrem
Interesse geführt, doch nicht aus ihren
Kreisen entstanden ist
(Lebhafter Beifall),
so wenig wie
die Kornzollagitation aus den Kreisen der
Landwirthe hervorging. Sie ist ausgegangen von
jungen Leuten, die überhaupt noch nichts
verdienen, sondern aus den Taschen ihrer
Eltern leben, sodann von Leuten, die in
amtlicher Vertrauensstellung aus öffentlichen
Kassen ihre Gehälter beziehen und oft keine
Vorstellung haben können, wie einem um sein
tägliches Brod und Aufbringung der nöthigen
Steuern kämpfenden Gewerbetreibenden manchmal
zu Muthe ist!
(Stürmischer, allseitiger Beifall.)
Solche Leute,
die sich „gebildet“ nennen, sind es, welche
die Judenhetze inszenirt haben; freilich zeigt
sich auch hier wieder, daß die größere
geistige Bildung, wenn sie nicht gepaart ist
mit der Bildung des Herzens und wahrer
Religiosität — nicht jener Religiosität, die
zwar Gott auf den Lippen, aber den Teufel im
Herzen hat — oft zu nichts weiter führt, als
zur Rohheit in raffinirterer Form!
(Beifall.)
Ich bin gewiß
stets ein energischer Gegner der
Sozialdemokratie gewesen, aber das muß ich
doch sagen: der letzte Sozialist ist für mich
ein edler Charakter im Vergleich zu den
Führern dieser neuesten Bewegung
(Beifall),
und ich kann
es mir wohl denken, daß die Führer der
Sozialdemokratie mit Verachtung auf diese
Bewegung blicken. Die Sozialdemokratie
predigte ja Haß und Neid, entfesselte die
Leidenschaften, aber doch nur gegen gewisse
wirthschaftliche und äußere Verhältnisse; aber
diese Bewegung verlangt ein Ausnahmerecht
gegen den Menschen als solchen, gegen seine
Abstammung, ja gegen seine
Körperbeschaffenheit.
Nicht
Ausnahmegesetze wollten sie, sondern
Gleichheit in ihrem Sinne. Wo soll die
Bewegung hinführen? Als s. Z. in Altona die
Parole ausgegeben wurde: „Wir kaufen nur bei
einem Sozialdemokraten“, da trat Bebel im
Reichstage auf und desavouirte ein solches
Hineintragen politischer Gegensätze in den
geschäftlichen und gesellschaftlichen Verkehr.
Diese
Antisemiten aber fordern in Berlin auf, bei
Juden nicht mehr zu kaufen. Wenn die Leutchen
noch Logik hätten und auch proklamiren
wollten: Verkauft an keinen Juden! Laßt nicht
die Produkte Eures christlich-germanischen
Fleißes an Juden ab!“
(Große Heiterkeit und Beifall.)
Oder wollen
sie trotz ihres christlichen Germanenthums in
diesem Falle den Profit mitnehmen?
(Heiterkeit),
sie dürften
doch, auch in ihrem Sinne die Produkte
christlich-germanischer Arbeiten den Juden
nicht abtreten. — Ja, ich sage, wenn ich als
Gymnasiallehrer in meinem Gewissen mich
gedrungen fühlte, gegen die
Gleichberechtichtigung der Juden aufzutreten,
so würde mir dasselbe Gewissen es zur
Ehrenpflicht machen, eine Stellung vorher
niederzulegen, die ich an einer Schule
einnehme, welche auf der Gleichberechtigung
der Konfessionen beruht; ich würde kein Gehalt
nehmen aus jüdischem Schulgelde, wenn ich mich
gegen die Erziehung auf Grundlage der
Gleichberechtigung auflehne.
(Lebhafte Zustimmung.)
Mehr als der
Disciplinarrichter sollte jeder sein eigenes
Gewissen in dieser Beziehung sich zum Richter
machen. Freilich, in dieser Bewegung gilt, was
einmal Moltke von den Socialisten sagte: Die
Besseren werden von den Schlechteren
übertroffen und weitergeführt. Treitschke ist
von seinen Studenten überholt, Stöcker von
Henrici
(lebhafte Zustimmung)
und Henrici
wird wieder von einem Anderen überholt.
(Zwischenruf: von Ruppel)
Den kann ich
nicht für schlechter als Henrici ansehen.
(Große Heiterkeit.)
Stöcker rüstet
jetzt ab; er sei der Mildeste in der Bewegung
gewesen, so sagte er dieser Tage in Kassel.
Ein Kind, kein Engel ist so rein — sagte schon
Zelle.
(Heiterkeit.)
Wenn Stöcker
in der Judenhetze abrüstet, was bleibt dann
aber an dem Manne überhaupt noch Merkwürdiges
übrig? Keine Ausnahmegesetze, so sagt er
jetzt, will er mehr, nur im Verwaltungswege
Beschränkung in der Beförderung zum Richter,
in der Annahme von Lehrern und dergleichen.
Also das
Gesetz und die beschworene Verfassung soll
zwar aufrecht erhalten werden, aber
hinterrücks umgangen werden auf dem
Verwaltungswege und ebenso die
staatsbürgerliche Gleichberechtigung. Man
befördert die Juden nicht, wagt es aber nicht
zu sagen, daß es deshalb geschehe, weil es
Juden sind. Das ist gerade jenes kleinliche
elende System, das schon in den fünfziger
Jahren in Preußen gegolten, mit dem Antritt
der Regierung des jetzigen Kaisers aber
beseitigt worden ist.
(Zustimmung.)
Wird dadurch
denn etwas gebessert? Man sagt, die Juden
sollten nicht blos Handel treiben. Nun sie
sich um öffentliche Ehrenämter bewerben, die
kein Geld einbringen, ist es wiederum nicht
recht und sie sollen ausgeschlossen werden. In
jedem Falle wird der Jude verbrannt.
(Große Heiterkeit.)
Als die
Socialistenbewegung im Schwunge war, hieß es,
die Geschäfte in Berlin würden sich bessern,
wenn erst durch den kleinen Belagerungszustand
der Agitation ein Ende gemacht sei. Nun haben
wir den kleinen Belagerungszustand gegen die
Socialisten. Ist aber die jetzige Bewegung ein
Mittel die Geschäfte zu bessern?
(Nein.)
Ist etwa das
diesmalige Weihnachtsgeschäft günstiger
gewesen?
(Verneinende Zurufe.)
Mir haben
Geschäftsleute bekundet, daß gerade diese
Agitationen in gewisser Richtung die Geschäfte
noch mehr verschlechtern.
(Zustimmung.)
Nun, dann ist
es gerade die Pflicht der Geschäftsleute, der
Handwerker, der Arbeiter in Berlin, diesem
Unfug ein Ende zu machen, ein Unfug, den
diejenigen führen, die überhaupt noch nichts
verdienen und keine Steuern zahlen, den
diejenigen leiten, die, weil sie aus
öffentlichen Kassen ihr Gehalt beziehen, oft
kein Verständniß haben, wie schwer es dem
Geschäftsmann wird, sich in dieser Zeit
durchzuschlagen.
(Lebhafte
Zustimmung.)
Innerlich hat
die Bewegung kein Ziel, sie muß also aus
äußeren Gründen veranlaßt sein. Eine
Versammlung hat gestern die Bewegung als
Wahlmanöver bezeichnet. Ich möchte die
Vorgänge der letzten Wochen eher als
Quartalmanöver bezeichnen. Für Wahlmanöver
verschießt man das Pulver zu früh. Es handelt
sich darum, dunklen Blättern und einem von
Junkern unterhaltenen Blatte beim
Quartalwechsel neue Abonnenten zu verschaffen.
Andere bewußte
Leiter freilich mögen auch Wahlmanöver in
Aussicht haben. Auch diese Judenhetze ist eine
Form des Kampfes der Reaktion gegen den
Liberalismus. Die Städte sind der Hort des
Liberalismus. Gelingt es, das Bürgerthum in
den Städten zu spalten, so ist der
Liberalismus gebrochen. Fast scheint es, als
ob diese antisemitische Bewegung im Rücken des
Liberalismus die sozialistische ablösen
sollte. Mit den Anfängen des Sozialismus in
Berlin hat auch diese Bewegung überall
Aehnlichkeit.
(Lebhafte Zustimmung.)
Auch Lassalle
fand mancher im Anfang recht interessant, wie
man heute das Vorgehen der Antisemiten gegen
die Liberalen und die Fortschrittspartei
interessant findet. Was des Pudels Kern ist,
werden wir bald gewahr werden. In dieser
politisch gemischten Versammlung will ich
nicht näher ausführen, was ich darüber denke.
Alle Parteien mögen sich bekämpfen, aber, wenn
sie wirklich als staatserhaltend gelten
wollen, sich stets bewußt bleiben, daß sie
einem Vaterlande dienen, Bürger desselben
Staates sind, und nur wetteifern sollen, wie
derselbe am besten zu gestalten ist. Wer statt
einen edlen Wetteifer wilde Leidenschaften
entflammt, dem Gegner die nationale
Zugehörigkeit abspricht, überschreitet die
zulässige Grenze des Parteikampfes, er ist
gerichtet, wenn nicht vor dem Gesetz, doch vor
der öffentlichen Moral!
(Lebhafte
Zustimmung.)
Weil wir
glaubten, daß auch andere Parteien mit uns
dieselben Grenzen anerkennen, haben wir diese
Versammlung der Wahlmänner aus allen Parteien
berufen. Man nennt die Fortschrittspartei die
Judengenossen. Wir sind als Partei weder
Freunde noch Gegner der Juden als solche, aber
wir sind Vertheidiger aller Derjenigen, die im
gleichen Recht gekränkt werden sollen, und
wenn wir uns von der Beschuldigung, Genossen
der Socialisten zu sein, nicht haben abhalten
lassen, die Ausnahmestellung der Socialisten
zu bekämpfen, so wird uns die Bezeichnung als
Judengenossen nicht abhalten, für die
Gleichberechtigung, der Juden einzutreten.
(Beifall.)
Wetterfest
sowohl nach unten wie nach oben stehen wir auf
demselben Grunde, der bis vor kurzem noch
allen Parteien widerspruchslos gemeinsam war,
noch heute. Noch auf dem europäischen Kongreß
in Berlin im Sommer 1878 war es der Kanzler
Fürst Bismarck, der mit den anderen leitenden
Staatsmännern dafür eintrat, daß die Aufnahme
von halbcivilisirten Staaten wie Rumänien und
Serbien in den europäischen Staaten-Verband
abhängig gemacht werde von der Anerkennung des
Princips der Gleichberechtigung der
Konfessionen in jenen Staaten auch den Juden
gegenüber.
Diese Bewegung
hängt sich gleichwohl an die Rockschöße des
Fürsten Bismarck, und wenn er sie gleich
ablehnt und in seiner Presse die
Ueberschreitungen mitunter tadeln läßt, so
fährt sie doch fort, sich an ihn anzuschmiegen
und sich auf ihn zu berufen, gleichsam wie
lärmende Kinder ihren Vater umdrängen.
Gleichwohl
glaube ich nicht besser schließen zu können,
als indem ich an die Worte erinnere, welche
Fürst Bismarck am 9. Februar 1876 im
Reichstage sprach, als eine ähnliche Bewegung,
zum Theil von denselben Personen und derselben
Presse getragen, wie diese antisemitische
Bewegung, — ich erinnere nur an die Artikel
über die sogenannte Aera Bleichröder — ihn
persönlich verleumdete und angriff.
Er sagte: „Wir
Alle können gegen Verleumdungen viel thun, so
weit wir Sinn haben für Ehre und Anstand, für
christliche Gesinnung und Sitte. Wir Alle,
welche die christliche Gesinnung nicht blos
als Aushängeschild für politische Zwecke
gebrauchen, wenn wir Alle zusammenhalten in
einer Liga gegen die Schlechtigkeiten und sie
verfolgen jeder vor seiner Thür und sie
einmüthig in den Bann halten, so werden wir
mehr erreichen, als mit dem Strafrichter.“
(Lebhafter Beifall.)
In diesem
Sinne lassen Sie auch uns in einer Liga ohne
Unterschied der Parteien ankämpfen gegen die
Schlechtigkeit dieser Bewegung und lassen Sie
uns in dieser Resolution anknüpfend an den
Neujahrsgruß der Stadtverordneten an den
Kaiser und dessen Erwiderung uns einig fühlen
in der Ueberzeugung, daß nur in dem
friedlichen und einträchtigen Zusammenwirken
aller Kräfte des nationalen Lebens, vor dem
kein Unterschied des Bekenntnisses
Berechtigung hat, die Wohlfahrt des Deutschen
Reiches und seiner einzelnen Bürger gedeihen
kann.
(Lebhafter,
anhaltender Beifall.)
Die
Wissenschaftlichkeit des Sozialismus
Eugen Richter im Reichstag, 37. Sitzung, 6.
Februar 1893:
Meine Herren, nun kommen wir auf die Frage des
Lohnes. Ich frug Herrn Bebel: erkennen Sie an,
daß der Lohn im sozialdemokratischen Staat ein
gleicher sein muß? -- da weicht er aus, und
zum zweiten Mal weicht er heute aus und bringt
uns eine lange Erzählung über den Begriff des
Lohnes in verschiedenen Jahrhunderten und über
die Unwissenschaftlichkeit solcher Leute, wie
ich einer bin. Was aber hat es für eine
Bewandniß mit Ihrer Berufung auf die
Wissenschaft?! Wer wirklich von Wissenschaft
durchdrungen ist, der spricht nicht immer
davon,
(lebhafte
Zustimmung)
dem wissenschaftlich Gebildeten merkt man es
an an der Klarheit seiner Darstellung, an der
Folgerichtigkeit seiner Schlußfolgerungen.
(Sehr
richtig!)
Aber wer -- und das passirt Autodidakten nur
zu oft -- nicht über die Oberfläche
hinausgekommen ist, mit gutem Gedächtniß mehr
oder weniger auswendig gelernt hat und dies
mit einer gewissen Volubilität vorzutragen
versteht, der hängt sich gerne das Mäntelchen
der Wissenschaftlichkeit um und stolzirt damit
herum wie auf dem Jahrmarkt diejenigen, die
die größten Pfuschmittel vertreiben, sich gern
mit dem Talar der Wissenschaft zu schmücken
belieben.
(Sehr gut!)
Das ist das Kennzeichen nicht des
wissenschaftlichen Arztes, sondern des
Pfuschers!
(Lebhaftes
Bravo.)
Richard
Cobden, der Manchester-Liberale
Der Mann, der
später der führende Vertreter der
„Manchester School“ werden würde, kam
ursprünglich nicht aus dem Norden, sondern
aus West Sussex im Süden Englands. Am 3.
Juni 1804 geboren, wuchs er hier in
bescheidenen Verhältnissen als viertes von
elf Kindern einer Bauernfamilie auf. Mit
zehn Jahren wurde er in ein Internat
geschickt, in dem er, wie er sich später
erinnerte, „schlecht verpflegt, schlecht
behandelt und schlecht unterrichtet“ wurde.
1819 begann Richard Cobden im Geschäft eines
Onkels in London zu arbeiten. Soweit ihm die
Arbeit dazu Zeit ließ, holte er während
dieser Zeit nach, was ihm das Internat nicht
gegeben hatte. Er brachte sich selbst etwas
Französisch bei und verschlang Bücher über
Geschichte und politische Ökonomie.
Im Jahre 1828
machten sich Richard Cobden und zwei Freunde
nach Manchester auf, ausgestattet mit einer
kleinen Summe, die sie angespart und
zusammengeliehen hatten. Hauptsächlich durch
ihren guten Ruf und Cobdens Beredsamkeit
gelang es ihnen, mit einem der größeren
Unternehmen ins Geschäft zu kommen. Von
diesem ließen sie sich Stoffe nach eigenen
Mustern bedrucken, die sie dann vertrieben.
Das Geschäft gedieh gut, und schon nach
wenigen Jahren konnten die Partner auch das
Bedrukken der Stoffe übernehmen. Begeistert
schrieb Richard Cobden an seinen Bruder, man
könne ihn nackt in Lancashire mit nichts als
seiner Erfahrung als Kapital aussetzen und
er würde es dennoch zu einem Vermögen
bringen.
Mit wachsendem
Wohlstand für sich und seine Familie wandte
Richard Cobden sich nun zunehmend
politischen Fragen zu. So veröffentlichte er
1835 und 1836 vor dem Hintergrund einer
antirussischen Hysterie seine ersten beiden
Schriften, „England, Ireland and America“
und „Russia“, in denen er die klassische
Lehre vom „Gleichgewicht der Mächte“
angriff, die England nur nutzlos in jeden
Krieg auf dem Kontinent hineingezogen habe.
Dem stellte Cobden die Doktrin der
„Nichteinmischung in die politischen
Angelegenheiten anderer Nationen“ entgegen.
Großbritannien solle nicht den
Weltpolizisten spielen, sondern sich lieber
um die eigenen Probleme wie das Elend in
Irland kümmern. Nicht rückständige Staaten
wie Russland seien die Herausforderung der
Zukunft, sondern die USA, deren Bürger nicht
durch kostspielige Kriege und Steuern zu
deren Finanzierung niedergedrückt würden.
1838 gründete
sich in Manchester eine Vereinigung, die
spätere „Anti-Corn Law League“, deren Ziel
es war, eine unmittelbare und vollständige
Abschaffung der Kornzölle zu bewirken. Die
Kornzölle waren 1815 nach dem Sieg über
Napoleon eingeführt worden, um die Preise
für Getreide auf dem hohen Niveau der
Kriegszeit zu halten. Sie verteuerten nicht
nur das Brot, sondern führten auch zu
stärkeren Schwankungen in den Preisen, als
es sie ohne die Kornzölle gegeben hätte.
Richard Cobden schloss sich sogleich der
„League“ an, in der er aufgrund seiner
großen Fähigkeiten als Organisator und
Redner schon bald eine der führenden Rollen
spielen sollte.
Zu Beginn
suchte die „Anti-Corn Law League“ über die
Vorteile des Freihandels mit Flugschriften,
Versammlungen und einer eigenen Zeitung
aufzuklären. Die Wirkung war allerdings
begrenzt, denn im Parlament dominierten
sowohl auf Seiten der Tories als auch der
Whigs adlige Grundbesitzer, die zumeist ein
unmittelbares Interesse an der Erhaltung der
Kornzölle hatten. Deshalb ging die „League“
dazu über, bei den Wahlen nur ausgewiesene
Freihändler zu unterstützen und soweit
möglich eigene Kandidaten ins Rennen zu
schicken, die den kleinen Kreis der
freihändlerischen Radikalen im Parlament
verstärken konnten. Mit Agitationen in den
ländlichen Regionen bemühte man sich, die
Pächter und Landarbeiter davon zu
überzeugen, dass die Korngesetze nicht in
ihrem Interesse lagen. Als besonders
aussichtsreich stellte sich schließlich eine
systematische Kampagne heraus, bei der die
Wahlregister auf Unregelmäßigkeiten geprüft
und neue Wähler registriert wurden.
Nicht zuletzt
dies, aber auch die überzeugenden Argumente
der Freihändler und die schlechte
wirtschaftliche Lage begannen eine Wirkung
zu zeitigen. Der Führer der Whigs Lord John
Russell bekehrte sich zum Freihandel, und
auch unter einer Gruppe von Tories um den
Premierminister Sir Robert Peel fand die
„League“ ein aufmerksames Ohr. 1842 führte
Peel eine erste Zollreform durch, die
Einfuhrverbote abschaffte und Zölle auf
viele Rohmaterialien für die Produktion
erheblich senkte. Allerdings fielen die
Reduktionen bei Getreide und Zucker aus
Rücksicht auf protektionistische Tories
vergleichsweise gering aus.
Als 1846 klar
wurde, dass das Land durch Missernten in
eine Krise hineinsteuerte, die insbesondere
in Irland wegen der Kartoffelfäule
desaströse Ausmaße annehmen sollte,
entschloss sich Sir Robert Peel, die
Kornzölle ganz abzuschaffen. Mit
Unterstützung der Freihändler und weiter
Teile der Whigs, aber gegen erheblichen
Widerstand seiner eigenen Partei setzte er
dies durch. In einer Würdigung erkannte der
Premierminister die Rolle Cobdens an: „[…]
der Name, der mit dem Erfolg dieser
Maßnahmen verbunden sein sollte und sein
wird, ist der Name Richard Cobden.“
Über die
Kampagne gegen die Korngesetze hatte sich
Richard Cobden zu wenig um seine Geschäfte
kümmern können, so dass er sich in einer
ziemlich prekären finanziellen Lage befand.
In Anerkennung seiner Verdienste wurde
deshalb eine Sammlung veranstaltet, die die
Summe von 75.000 Pfund zusammenbrachte und
es Richard Cobden ermöglichte, seine
Schulden abzuzahlen und sein Unternehmen
aufzugeben. Auch seine Gesundheit hatte
unter den Anstrengungen der letzten Jahre
gelitten. So begab er sich mit seiner Frau
auf eine Reise durch Europa. Mittlerweile
war Richard Cobden eine internationale
Berühmtheit. Und was eigentlich der Erholung
dienen sollte, verwandelte sich in eine
Kette von Audienzen, Empfängen und Feiern zu
seinen Ehren.
In den
folgenden Jahren wandte sich Richard Cobden
verschiedenen Fragen zu, die für ihn aus dem
Prinzip des Freihandels folgten. In einer
Rede in Manchester anlässlich der
Abschaffung der Korngesetze hatte Richard
Cobden bereits betont, dass es ihm um mehr
als nur die materiellen Vorteile des
Freihandels ging. „Ich sehe im Prinzip des
Freihandels das, was in der moralischen Welt
wie die Anziehungskraft im Universum wirken
wird, was Menschen zueinander ziehen, den
Gegensatz von Rasse, Glauben und Sprache
beiseite stoßen und uns im Band des ewigen
Friedens vereinigen wird.“
1849 nahm er
am Pariser Friedenskongress teil, wo er
seine Rede mit Unterstützung von Frédéric
Bastiat auf französisch hielt. Hier ging es
unter anderem um internationale
Abrüstungsvereinbarungen und den Boykott
einer russischen Anleihe, mit der die
Unterdrückung der Ungarn finanziert werden
sollte. Auf dem Frankfurter Friedenskongress
1850 in der Paulskirche plädierte Cobden für
Schiedsgerichte bei Streitigkeiten zwischen
den Staaten: „Ist hier einer, der den Krieg
dem Schiedsgerichte vorzöge? (Nein, nein!)
Also lasst uns Gerechtigkeit suchen, statt
Krieg, und wollen unsere Lenker nicht
anders, so verstoßen wir sie und stürzen
solche Regierung um.“
Richard Cobden
war ein unerbittlicher Gegner der britischen
Kolonialpolitik. In seiner Schrift „How Wars
are Got Up in India“ attackierte er 1853 die
Politik des indischen Generalgouverneurs am
Beispiel der gewaltsamen Annexionen in
Burma. Im Unterhaus ergänzte er: „[…] Ich
glaube nicht, dass es irgendwie mehr im
Interesse des englischen Volkes liegt als in
dem der Bevölkerung von Indien, dass wir 100
Millionen Menschen 12.000 Meilen entfernt
dauerhaft regieren sollten. Ich sehe keinen
Vorteil, der dem englischen Volk aus seiner
Verbindung mit Indien erwachsen kann, außer
dem, welcher aus ehrlichem Handel erwächst
[…]“. Anlässlich der gleichermaßen brutalen
Meutereien indischer Truppen und deren
Unterdrückung im Jahre 1857 fragte er in
einem Brief: „Ist es möglich, dass wir die
Rolle des Despoten und Schlächters dort
spielen können, ohne unseren Charakter
zuhause verdorben zu finden?“
Freihandel,
Nichteinmischung, Abrüstung, und Rückzug aus
den Kolonien fügten sich für Cobden in der
Fiskalpolitik zusammen, denn nur so konnte
die Belastung der Bevölkerung durch Steuern
vermindert und der wirtschaftliche und
gesellschaftliche Fortschritt vorangetrieben
werden. Angesichts eines stark regressiven
Steuersystems, dessen Hauptlast gerade die
Armen über indirekte Steuern trugen,
befürwortete Richard Cobden eine stärkere
Verlagerung der Besteuerung hin zu direkten
Steuern auf Einkommen, Eigentum und
Erbschaften. In erster Linie müsse es aber
um eine sparsame Staatsverwaltung gehen. Im
Unterhaus führte er staatliche Verschwendung
am Beispiel der Waffenproduktion durch den
britischen Staat vor: „Ich finde, dass man
den Leitern dieser Staatsbetriebe niemals
klarmachen kann, dass das Kapital, mit dem
sie umzugehen haben, echtes Geld ist. Wie
sollte es echtes Geld für sie sein? Es
kostet sie nichts […] Deshalb ist es für sie
ein Mythos — bloß für die Steuerzahler ist
es eine Realität.“
Ein anderes
Anliegen, das Richard Cobden in diesen
Jahren verfolgte, war eine Wahlrechtsreform.
Im Prinzip befürwortete er dabei ein
allgemeines Wahlrecht, nicht nur für Männer,
sondern auch für Frauen. Da er dies aber für
nicht durchsetzbar hielt, konzentrierte er
sich auf Reformen wie eine schrittweise
Ausdehnung des Wahlrechts sowie die
Einführung geheimer Wahlen. Im Gegensatz zu
seinem Freund und Mitstreiter John Bright
war Cobden aber weniger zuversichtlich, dass
eine Ausweitung des Wahlrechts zu einer
besseren Politik führen würde. Voraussetzung
sei eine entsprechende Bildung, ohne die
Politiker nur die Vorurteile der Bevölkerung
ausnutzen könnten. Nicht zuletzt daraus
erklärte sich die große Bedeutung, die
Richard Cobden der Bildung zuerkannte. Er
unterstützte die Gründung von Schulen und
trat für die Abschaffung der „Steuern auf
Wissen“ —Zeitungsstempel sowie Steuern auf
Anzeigen und Papier — ein. Allerdings
bezeichnete er ein rein freiwilliges
Schulsystem als eine Schimäre und
befürwortete staatliche Eingriffe, um nach
amerikanischem Vorbild ein System
konfessionell neutraler und gebührenfreier
Grundschulen einzuführen, die durch eine
lokale Steuer finanziert werden sollten.
Wie leicht
sich seine Mitbürger von ihren Vorurteilen
mitreißen ließen, musste Richard Cobden
während des Krimkriegs erleben. Gerade
einmal ein Jahr zuvor hatte er sich in
seiner Schrift „1793 and 1853“ gegen die
Furcht vor einer französischen Invasion
gewandt. Nun trieb 1854 England an der Seite
Frankreichs durch ungeschickte Diplomatie
und den Druck der Öffentlichkeit in einen
Krieg gegen Russland. Richard Cobden und
John Bright wandten sich scharf gegen dieses
Abenteuer, fanden sich aber in einer kleinen
und verachteten Minderheit. Bei den
Parlamentswahlen wurde die „Manchester
School“ abgestraft. Sowohl Cobden als auch
Bright verloren ihre Sitze.
Richard Cobden
zog sich resigniert aus dem öffentlichen
Leben zurück. Erst 1856 gegen Ende des
Krimkriegs meldete er sich mit seiner
Schrift „What next - and next?“ zurück, in
der er die verfahrene Lage analysierte. Auch
wenn der Krimkrieg in Ernüchterung endete,
ließ sich Großbritannien von seiner Politik
nicht abbringen. 1857 folgte die
Niederschlagung der indischen Meuterei und
der zweite chinesische Krieg. Zu der
Frustration über die Unbelehrbarkeit seiner
Landsleute kamen für Richard Cobden private
Schicksalsschläge, ein Nervenzusammenbruch
seines Freundes John Bright und der Tod
seines Sohnes.
1859 kam
Richard Cobden mit dem Finanzminister
William Ewart Gladstone überein, auf einer
Reise nach Paris zu sondieren, ob Frankreich
und Großbritannien gleichzeitig ihre Zölle
senken könnten. Gemeinsam mit Michel
Chevalier, einem Schüler Bastiats, machte er
sich daran, die französische Regierung und
den Kaiser von den Vorteilen eines solchen
Schrittes zu überzeugen. Mit viel Geschick
gelang es ihm schließlich, einen
Handelsvertrag gegen starken Widerstand
protektionistischer Kreise in Frankreich
zustandezubringen. Frankreich schaffte darin
alle Importverbote für englische Waren ab
und senkte viele Zölle. Im Gegenzug und ganz
im Sinne eines wohlverstandenen Freihandels
senkte Großbritannien Zölle auf zahlreiche
Waren aus allen Ländern und schaffte viele
weitere ab. Cobdens Hoffnung, mit dem
Vertrag zu einer Entspannung mit Frankreich
beizutragen, wurde allerdings von einer
erneuten Invasionspanik durchkreuzt, die er
in seiner letzten Schrift „The Three Panics“
im historischen Vergleich aufarbeitete.
Der
amerikanische Bürgerkrieg traf Richard
Cobden hart, denn er hatte stets auf die USA
als Vorbild für eine kluge Politik gesetzt.
Nach anfänglichem Zögern ergriff er anders
als die meisten seiner Landsleute die Seite
der Nordstaaten, weil diese für die
Sklavenbefreiung eintraten. Großbritannien
sollte sich nach Cobdens Meinung strikt
neutral verhalten, eine Haltung, die auf
eine harte Probe gestellt wurde, als der
Norden die Häfen der Südstaaten blockierte
und damit die Zufuhr von Baumwolle nach
England abschnitt. Die folgende „Cotton
Famine“ führte zu großer Arbeitslosigkeit in
Nordengland. Zu deren Linderung initiierte
Richard Cobden die Sammlung der unerhörten
Summe von mehr als einer Million Pfund. Das
Ende des amerikanischen Bürgerkriegs sollte
Cobden nicht mehr erleben. 1865 reiste er
trotz gesundheitlicher Probleme nach London,
um sich im Unterhaus gegen einen Plan für
Befestigungen in Kanada zu wenden. Nach
kurzer Krankheit starb er dort am 2. April
1865. Richard
Cobdens Tod löste große Trauer aus. Seine
Leistungen wurden von Freunden wie Gegnern
gewürdigt. In den Worten Walter Bagehots,
Herausgeber des Economist: „Sehr selten,
wenn überhaupt jemals in der Geschichte, hat
ein Mann so viel erreicht mit Worten … und
doch so wenig Schlechtes gesprochen wie Herr
Cobden!“
Die Mauer
war die logische Folge des Sozialismus
Gesine Lötzsch von der
Linkspartei überraschte die Öffentlichkeit
unlängst mit ihrer Geschichtsrevision, daß die
Mauer eine logische Folge des zweiten
Weltkriegs gewesen sei. Doch sie irrt. Wie
sehr die Mauer die logische Folge des
Sozialismus war, kann man sehen, wenn man
einmal in das Jahr 1891 zurückgeht.
Das 1878 erlassene Sozialistengesetz war 1890
ausgelaufen. Unter dem Gesetz durften die
Sozialdemokraten zwar noch bei den Wahlen
antreten, waren aber ansonsten in ihrer
Propaganda stark behindert. Ihre Vertreter
wurden in die innere Verbannung geschickt, ins
Zuchthaus gesteckt oder mußten sich außer
Landes begeben, Ganz entgegen den erklärten
Zielen des Gesetzes erschienen sie daher als
Märtyrer, was ihnen Ansehen in der Bevölkerung
verschaffte. Und was sich als sehr bequem für
sie herausstellte: es ließ sich jede
Diskussion über das sozialistische Programm
vermeiden mit dem Hinweis, daß
Sozialdemokraten ja nicht offen darüber
sprechen konnten. Das Programm der SPD war
dabei auf die vollständige Verstaatlichung des
Wirtschaftssystems ausgerichtet, auch wenn es
angeblich weiterhin Wahlen und bürgerliche
Freiheiten geben sollte.
Wie Eugen Richter schon 1878 im Reichstag in
seiner Ablehnung des Sozialistengesetzes
erklärte: er fürchte die Sozialdemokratie mehr
unter dem Gesetz als ohne es. Er sollte recht
behalten, denn die Sozialdemokraten kamen
gestärkt aus dieser Phase des Verfolgung
heraus, als sich 1890 keine Mehrheit mehr für
eine Verlängerung des Sozialistengesetzes
fand. Es würde sich eben nicht allein für
Gesine Lötsch lohnen, die Geschichte zu
kennen, auch der Generalsekretär der CSU, Herr
Dobrindt, könnte hier noch einiges lernen,
wenn er die bürgerliche Freiheit nicht an sich
schätzen kann.
Die
Sozialdemokraten kamen mit einem großem
Bewußtsein ihrer Stärke 1890 wieder in die
Freiheit. Was sie sich nicht klarmachten: Ihre
Stärke hatte darin gelegen, daß ihre
Positionen lange nicht mehr kritisiert worden
waren. Vollmundig prusteten sie herum, als
wenn sie nun die Weisheit gepachtet hätten.
Aber sie hatten ihre Rechnung ohne Eugen
Richter gemacht.
Sein erste Schlag waren die 1890
veröffentlichten "Irrlehren der
Sozialdemokratie". Hier nahm er sich Punkt für
Punkt das sozialdemokratische Programm vor und
zeigte dessen Unsinnigkeit und Verwerflichkeit
auf. Beispielsweise müsse wegen der ungeheuren
Aufgabe, eine Wirtschaft bis ins Detail zu
planen, eine geradezu göttliche Person an der
Spitze stehen, eine Stellenbeschreibung, auf
die sich ein Josef Stalin bestens bewerben
konnte. Da nach den Annahmen der
Sozialdemokraten die Malthussche Lehre gelte
und zu einem "ehernen Lohngesetz" führe, das
im Sozialismus ja verschärft gelten würde,
müsse man Leute nach Sibirien verfrachten und
gleich ganz das Bevölkerungswachstum
staatlicherseits regulieren. Josef Stalin und
Mao Tse Tung fanden das auch.
Und zudem könne man nicht die wirtschaftliche
Freiheit beseitigen, ohne auch die bürgerliche
Freiheit zu einer Farce zu machen. Ein Staat
der die Druckpressen der Zeitungen und Verlage
besitzt, würde keine Pressefreiheit und
Freiheit der Rede mehr haben. Und eine
Opposition könne unter solchen Umständen nicht
bestehen, womit Wahlen auf die Zustimmung zur
Regierungspolitik hinauslaufen würden. Der
einzige Irrtum, der Eugen Richter hier
unterlief, war der, daß die Sozialisten
ernsthaft an einer Erhaltung der bürgerlichen
Freiheit interessiert waren und nicht die
entsprechenden Punkte schon vor der Revolution
als Kommunisten über Bord werfen würden,
Waren
die "Irrlehren der Sozialdemokratie" bereits
eine Sensation in Deutschland, so legte Eugen
Richter 1891 noch einmal nach mit den "Sozialdemokratischen
Zukunftsbildern", die schnell eine
sechsstellige Auflage erreichten. In der Form
eines dystopischen Zukunftsromans schildert
er, was nach der Revolution geschehen wird.
Geschrieben ist das Buch aus der Perspektive
eines wackeren Sozialdemokraten, der Tagebuch
führen will: "Meine Aufzeichnungen sollen, so
gut ich es vermag, die Auferstehung des neuen
Reiches der Brüderlichkeit und der allgemeinen
Menschenliebe für meine Kinder und
Kindeskinder beschreiben."
Doch der Sozialismus entwickelt sich anders,
als der Tagebuchschreiber es erwartet hatte.
Die Arbeitsmoral verfällt, die
Wirtschaftsleistung sinkt drastisch, ein Heer
von Spitzeln wird aufgebaut und der Staat
drangsaliert die Bürger bis in die kleinsten
Einzelheiten. Im Sinne der Gleichheit wird
sogar überlegt, die Tanzpartner staatlich
zuzuteilen. Deutschland wird ein großes
Zuchthaus.
Immerhin sind noch drei Länder nicht
sozialistisch: die Schweiz, Großbritannien und
die USA. Der Sohn des Tagebuchschreibers
flieht wie viele andere, die an der
sozialistischen Realität verzweifeln. Und nun
sollte Frau Lötzsch einmal genau aufpassen:
Was macht die sozialistische Regierung an
dieser Stelle? Sie verbietet die Ausreise! Da
die Welt fast ganz sozialistisch geworden ist,
sind die Grenzen überschaubar und eine
regelrechte Mauer ist nicht nötig. Wie der
Erzähler der "Sozialdemokratischen
Zukunftsbilder", immer noch in seinen
Illusionen befangen, ausführt:
"Man kann es daher nur billigen, daß das
Auswanderungsverbot mit Strenge gehandhabt
wird. Dazu ist die scharfe Besetzung der
Grenzen, namentlich der Seeküsten und der
Landgrenzen gegen die Schweiz erforderlich.
Das stehende Heer wird dazu weiterhin um viele
Bataillone Infanterie und Eskadrons Kavallerie
vermehrt werden. Die Grenzpatrouillen sind
angewiesen, gegen Flüchtlinge von der
Schußwaffe rücksichtslos Gebrauch zu machen.
-- Möge unser schneidiger Reichskanzler uns
noch lange erhalten bleiben." (Hervorhebung
für Gesine Lötzsch.)
Aber
noch gibt es in Deutschland Menschen, die sich
mit dem sozialistischen Leben nicht anfreunden
können und protestieren. Sie skandieren "Wir
sind das Volk!" (Ja, das wurde wirklich 1891
geschrieben!). Im Reichstag faßt es der
Abgeordnete für Hagen so zusammen, durch den
Eugen Richter spricht, der selbst Jahrzehnte
lang diesen Wahlkreis vertrat:
"Während wir im alten Europa derart Dank Ihren
Bestrebungen dem Untergang entgegengehen,
erhebt sich jenseits des Meeres immer
wohlhabender und mächtiger ein Gemeinwesen,
das auf dem Privateigentum und der freien
Konkurrenz beruht und dessen Bürger sich
niemals ernsthaft von den Irrlehren der
Sozialdemokratie haben bestricken lassen.
Jeder Tag der Verzögerung in der Befreiung
unseres Vaterlandes von dieser unseligen
Verirrung der Geister führt uns dem Abgrunde
näher. Darum nieder mit dem
sozialdemokratischen Zuchthausstaat, es lebe
die Freiheit! (Stürmischer Beifall auf
der linken Seite und auf den Tribünen,
lebhaftes Zischen und Unruhe auf der rechten
Seite.)"
Die Sozialisten sitzen nämlich einmal an der
Macht auf der rechten Seite und sind die neuen
Konservativen, während die Freisinnigen
weiterhin links bleiben. Auch das sollte sich
Frau Lötzsch noch einmal anschauen: Beim
Ausmaß ihrer Verdrehungen steht sie auf einer
Seite mit extremen Rechten. Und es gibt
nur eine Erklärung, wie Eugen Richter 1891 den
Schießbefehl vorhersagen konnte. Nein, er
wußte nichts vom zweiten Weltkrieg. Er hatte
sich bloß das sozialistische Programm genau
angeschaut, und die logische Folge davon war
die Mauer.
Gary Johnson:
"Toleranz ist amerikanisch"
Er hat den Everest bestiegen.
Aber jetzt hat Gary Johnson sich ein
schwierigeres Ziel gesetzt: republikanischer
Kandidat für 2012 zu werden. Auf den ersten
Blick sieht das hoffnungslos aus. Außerhalb
seines Heimatstaats New Mexico ist er fast
unbekannt, in den Medien wird er abgetan oder
gleich ganz ignoriert. Und seine Kampagne muß
mit einem minimalen Budget zurechtkommen. Doch
auf den zweiten Blick sieht es ganz danach
aus, als wenn er es schaffen könnte,
vielleicht noch nicht 2012, aber dann 2016.
Wir freuen uns über die
Unterstützung der "Berliner
Wespen",
die auch als Beilage der von Eugen Richter
herausgegebenen
"Freisinnigen Zeitung" erschienen: